Das neoliberale Lobbynetzwerk Bündnis Ökonomische Bildung hat auf der diesjährigen Didacta zwei große Podiumsdiskussionen organisiert. Die Podiumsdiskussion „Für mehr Bildungsgerechtigkeit: Finanzbildung an Schulen“ zeichnete sich aus durch:
- ein einseitiges Podium,
- Falschbehauptungen,
- marktextremistische Mythen,
- unternehmerischer Lobbyismus,
- und eine ohnmächtige Bildungspolitik.
Das Lobbynetzwerk „Bündnis ökonomische Bildung“ (BÖB) hat auf der diesjährigen Didacta zwei große Podiumsdiskussionen organisiert. Die erste Diskussion zum Thema „Demokratie stärken durch Finanzbildung“ wurde bereits in einem Blogartikel kritisch kommentiert (link).
Im Folgenden wird die Podiumsdiskussion „Für mehr Bildungsgerechtigkeit: Finanzbildung an Schulen“ besprochen. Sie kann wie folgt zusammengefasst werden: strategische Falschbehauptungen + marktextremistische unternehmerzentrierte Ideologie + ökonomisch halbgebildete Öffentlichkeit = demokratiegefährdende ökonomische Bildung.
Die Teilnehmer*innen der Podiumsdiskussion
Bei dieser Diskussion saßen auf dem Podium:
- Markus Gürne (Journalist, Leiter der ARD-Wirtschaftsredaktion),
- Birgit Otte (Kultusministerium Baden-Württemberg, Leitung Referat 25 „Schulartübergreifende Bildungsaufgaben, Beratungsgremien“),
- Diana Rutzka-Hascher (Deutsche Bundesbank, Zentralbereichsleiterin für den Gesamtbereich Personal und Bildung),
- Johannes Schmalzl (seit 2022 Vorstandsvorsitzender der Stiftung Würth, von 2017 bis Oktober 2022 Hauptgeschäftsführer der IHK Region Stuttgart, von 2008 bis 2016 Regierungspräsident des Regierungsbezirks Stuttgart in Baden-Württemberg, FDP-Mitglied)
- Fabian Schön (Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz).
1. Grundlage der Diskussion: strategische Falschbehauptungen
Der Moderator, Markus Gürne, eröffnete das Podium mit der reißerisch vorgetragenen Aussage: „Das Finanzbildungsniveau in Deutschland ist gleich Null“; Deutschland liege im internationalen Vergleich ganz hinten. Widerrede kam von keinem der anwesenden Finanz- und Bildungsexpert*innen – im Gegenteil. Doch diese Behauptung, welche immer wieder von neoliberalen Lobbyist*innen vorgetragen wird, ist falsch!
Hellmich und Hedtke (2023) konnten in ihrer Studie nachweisen, dass die zahlreichen Studien zum Niveau der ökonomischen Bildung nur unzureichend wissenschaftliche Standards erfüllen und sehr stark interessengeleitet sind. Dies ist kein Wunder angesichts der Tatsache, dass die meisten „Studien“ von Banken und Versicherungen in Auftrag gegeben werden.
Für den weiteren Blogeintrag, ist folgende Erkenntnis der Studie von Hellmich und Hedtke von besonderer Bedeutung:
„Mit ihrem Forschungsdesign messen die Studien ganz überwiegend Wissen und Kompetenzen, die primär in einzelwirtschaftlichen, d.h. in individuell-privaten Problemlagen von Bedeutung sind. […] Die politische Relevanz besteht also darin, dass sie diese und ähnliche Problemlagen nur als Probleme des Individuums darstellen, dem für deren Bewältigung Wissen und Können vermittelt wird, während eine Einflussnahme auf die politische Gestaltung der Rahmenbedingungen für die Finanzmärkte unberücksichtigt bleibt.“ (Hellmich und Hedtke 2023: 29, eig. Herv.)
Im weiteren Gesprächsverlauf gab FDP-Mitglied und Würth-Lobbyist Johannes Schmalzl zwei weitere beliebte unternehmerfreundliche Falschbehauptungen zum besten: Deutschland leide unter den höchsten Sozialabgaben und Strompreisen in Europa.
Zu den Sozialabgaben stellt das Handelsblatt fest: „Setzt man die Gesamteinnahmen des Staates aus Steuern und Sozialbeiträgen ins Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt, ergab sich 2021 eine Quote von 39,5 Prozent, teilte das Bundesfinanzministerium mit. Damit liegt Deutschland innerhalb der EU im oberen Mittelfeld.“
Und zu den Strompreisen erklärt Sarah Thust: „Bezieht man die Kaufkraft ein, liegt Deutschland im weltweiten Strompreisvergleich auf Platz 15“.
Solche und weitere Falschmeldungen (bspw. über Bürgergeldempfänger*innen, Mindestlohn, Steuerpolitik usw.) werden immer wieder eingestreut und dienen als neoliberales Framing, um marktextremistische und unternehmerzentrierte Perspektiven durchzusetzen.
2. Marktextremistische unternehmerzentrierte Ideologie
2.1 Finanzielle Bildung, um gegen Sozialneid zu kämpfen
Als Hauptmoderator der Sendung „Wirtschaft vor Acht“ bedauerte Grüne das negative Image der Börse in der Öffentlichkeit. Mit der Umbenennung der Sendung von „Börse vor Acht“ in „Wirtschaft vor Acht“ sei es ihnen gelungen, die Akzeptanz der Sendung etwas zu fördern. Für Grüne ist dieses negative Image völlig unverständlich, steht doch die Börse seines Erachtens für die Grundwerte unserer Gesellschaft: Eigenverantwortung und Freiheit. Deutschland solle über den Tellerrand schauen und sich an Ländern orientieren, die eine „positive Kultur“ im Umgang mit Geld und wirtschaftlichen Erfolg pflegen.
In diesem Sinne richtete Grüne folgende Frage an die Vertreterin der Deutschen Bundesbank:
„Frau Rutzka-Hascher, könnte man Neid nicht abschwächen indem man eben klarer herausstellt, hier geht es bei ökonomischer Bildung darum, Leute zu befähigen aus eigener Kraft, aus eigenem Antrieb, mit eigenem Wissen ein besseres Leben zu haben?“ (Eig. Herv.)
Ähnlich wie seine Sendung „Wirtschaft vor Acht“, betrachtet der Wirtschaftsjournalist bzw. -lobbyist ökonomische Bildung als Möglichkeit, die Öffentlichkeit zu beeinflussen. Für ihn sollte ökonomische Bildung dazu beitragen, das wirtschaftsliberale und marktgläubige Subjekt zu erziehen.
Der Hauptmoderator von Börse bzw. Wirtschaft vor Acht fordert mehr finanzielle Bildung, um gegen "Sozialneid" zu kämpfen.
Seinem liberal-libertären Freiheitsverständnis entsprechend blendet Grüne völlig aus, dass Freiheit politisch voraussetzungsvoll ist und sich keineswegs auf die Vertragsfreiheit einzelner Wirtschaftsakteure in einem vermeintlich freien Markt beschränken lässt. Seine Argumentation folgt dem neoklassisch-neoliberalen Dreischritt der Entpolitisierung von Individualisierung, Subjektivierung, Responsibilisierung, der bereits auf einem anderen BÖB-Podium auf der Didacta zu beobachten war und in der Besprechung der Podiumsdiskussion „Demokratie stärken durch Finanzbildung“ vorgestellt wurde.
Mit dem Neid-Argument diskreditiert er die berechtigte Empörung über strukturelle politisch-ökonomische Ungerechtigkeiten und reduziert gesellschaftliche Probleme auf eine rein individuelle Ebene. Um eine solche Verengung zu vermeiden, betonen zahlreiche Fachdidaktiker*innen, dass ökonomische Bildung stets sozialwissenschaftlich und fachübergreifend fundiert werden muss (Engartner & Krisanthan 2014, Fischer & Zurstrassen 2014, Hedtke 2016).
Auf Grünes Frage, ob ökonomische Bildung helfen könne, den vermeintlichen Sozialneid zu bekämpfen, antwortete Rutzka-Hascher wie folgt:
„Ganz klar! Ökonomische Bildung führt natürlich zu mehr Chancengleichheit! Wenn ich besser informiert bin, wie ich mein Geld gut und sicher anlege, dann kann ich natürlich auch leichter Vermögen bilden. Wenn ich weiß, wo ich leicht in eine Falle tappe, wo es Betrüger gibt, dann kann ich mich davor schützen. Und je mehr ich von all diesen Tricks und… ja miesen Dingen, je mehr ich vorbereitet bin, je besser ich vorbereitet, umso weniger tappe ich in die Fallen. Und wenn ich eben im Grunde von klein auf mit ökonomischen Themen vertraut bin, dann komme ich besser durchs Leben.“ (Eig. Herv.)
Diese Antwort der Mitarbeiterin der Deutschen Bundesbank ist ein anschauliches Beispiel für die Argumentation mit unterschiedlichen Mythen der neoliberal-neoklassischen Ökonomik:
1. Individuelle Verantwortung: Rutzka-Hascher suggeriert, dass ökonomische Probleme vor allem individuelle Ursachen haben („Tricks“ „miesen Dingen“) und wirtschaftlicher Erfolg primär von individueller Information und rationalem Verhalten abhängt („je besser ich vorbereitet bin, umso weniger tappe ich in die Fallen“, „Wenn ich besser informiert bin, […] kann ich natürlich auch leichter Vermögen bilden“). Strukturelle Faktoren wie Einkommensungleichheit, Vermögensverteilung oder Arbeitsmarktbedingungen, die den wirtschaftlichen Erfolg mitbestimmen, erwähnt sie an keiner Stelle. Soziale und wirtschaftliche Unsicherheiten erscheinen nicht als systemische Probleme, sondern als vermeidbare individuelle Fehler.
2. Marktgläubigkeit: Rutzka-Hascher erklärt, dass wirtschaftliche Bildung den Einzelnen dazu befähigt, sich erfolgreich am Markt zu bewegen, ohne zu berücksichtigen, dass Märkte oft von Machtasymmetrien und systemischen Risiken geprägt sind. Der Markt wird als neutrales Spielfeld dargestellt, auf dem sich alle durch Wissen und kluges Verhalten gleichermaßen behaupten können.
3. Chancengleichheit: Rutzka-Hascher stellt Chancengleichheit als etwas dar, das durch Bildung weitgehend erreicht werden kann („Ökonomische Bildung führt natürlich zu mehr Chancengleichheit!“). Dabei blendet sie aus, dass Chancengleichheit nicht nur von Wissen, sondern auch von sozialen, wirtschaftlichen und politischen Strukturen abhängt, wie z. B. Herkunft, Kapitalzugang oder soziale Netzwerke. Dadurch wird eine implizite Schuldzuweisung an ökonomisch Benachteiligte vorgenommen, während strukturelle Ungleichheiten verharmlost werden.
Was Rutzka-Hascher nicht erwähnt: die Bundesbank verkauft zwar keine Produkte aber dafür ein wissenschaftliches Paradigma (Neoklassik) und eine Wirtschaftspolitik (Neoliberalismus).
Das Engagement der Deutschen Bundesbank im Bereich der finanziellen Bildung begründete Rutzka-Hascher völlig uneigennützig: „Es darf nicht sein, dass die ökonomische Bildung von Kindern davon abhängt, in welchem Haushalt sie aufwachsen; sondern die Umwelt muss da viel mehr tun, da sind wir alle gefragt, wir als Bundesbank zum Beispiel haben schon sehr, sehr früh erkannt, wie wichtig ökonomische Bildung ist.“ (Eig. Herv.)
Nach diesem philanthropisch Framing fuhr sie fort: „Wir als Bundesbank unterstützen sehr, sehr gerne jederzeit. Wir haben Materialien für das ganze Thema, für die Sekundarstufe I, für de Sekundarstufe II, wir engagieren uns in der Lehrerfortbildung. […] Nutzen Sie unsere Kapazitäten. Wir sind dafür da. Wir haben den großen Vorteil, wir sind neutral und unabhängig, wir müssen kein Produkte verkaufen.“ (Eig. Herv.)
Was sie nicht erwähnt: die Bundesbank verkauft zwar keine Produkte aber dafür ein wissenschaftliches Paradigma (Neoklassik) und eine Wirtschaftspolitik (Neoliberalismus).
Die eigene Perspektive nicht zu benennen und somit die eigene Norm unsichtbar zu machen ist eine besonders effektive Strategie, um sich unangreifbar zu machen. Eine solche ökonomische Bildung entfaltet allerdings eine überwältigende Wirkung und steht somit eindeutig im Widerspruch zum Beutelsbacher Konsens!
2.2 Würth-Lobbyismus: „Stiftungen sind Treiber!“
Im weiteren Verlauf der Diskussion lobte der Moderator Grüne den verurteilten Steuerhinterzieher Würth als „Schaffer und Macher“ und erklärte Finanzkompetenz zu einem "positiven Gendefekt" der Schwaben – im Gegensatz zu den Hessen. Anschließend beklagte, dass das „Land der Dichter und Denker, der Tüftler und Erfinder“ zum „Land von Betroffenen und Empörten“ verkommen sei.
Schmalzl bestätigte dies mit den zwei oben bereits besprochenen Falschbehauptungen (Sozialabgaben und Strompreise) und machte sich zum Sprachrohr von Würths Forderung: „Das Kaufmännische Wissen muss […] verbessert werden“.
Hierbei betonte er die Bedeutung von Bildungspartnerschaften, um das „profunde ökonomische Wissen, was in Unternehmen selbstverständlich ist, [in die Schulen] reinzutransportieren“ (Eig. Herv.).
Eine solche Aussage (unternehmerisches Wissen in die Schulen reintransportieren) ist hochgradig problematisch. Unternehmen haben eigene wirtschaftliche Interessen, die denen anderer Akteure widersprechen können und zudem ihre Sicht auf ökonomische Themen beeinflussen. Die Vermittlung von Wissen muss jedoch kontrovers und pluralistisch erfolgen, um Schülern eine mündige Auseinandersetzung mit wirtschaftlichen Zusammenhängen zu ermöglichen. Die Würth-Stiftung reduziert jedoch ökonomische Bildung auf ökonomische Verwertbarkeit: Schulen haben aber einen breiteren Bildungsauftrag, der nicht nur kaufmännische Kompetenzen, sondern auch gesellschaftliche, ethische und politische Aspekte umfasst. Eine zu starke Fokussierung auf unternehmerische Perspektiven verengt diesen Bildungsauftrag und widerspricht dem Beutelsbacher Konsens.
Die Würth-Stiftung droht der Bildungspolitik:
"Wir werden genau hinschauen!", "Stiftungen sind Treiber!"
Die weiteren Ausführungen von Schmalzl verdeutlichen die akuten Gefahren interessensgeleiteter Einflussnahme von Unternehmen und unternehmensnahen Stiftungen auf den Wirtschaftsunterricht:
„Was wir uns wünschen ist, dass die Chancen im Vordergrund stehen, und nicht, wie früher es oft war beim Gemeinschaftskundeunterricht mit der Ökonomie, dass ganze bei Marx und Engels aufhörte. Die Chancen müssen im Vordergrund, zum Beispiel auch beim Thema Börse […] Und das ist auch, glaube ich, was Unternehmen wichtig ist, die sich ja selten einmischen in die Schulverwaltung, aber beim Thema, glaube ich, haben wir hohe Ansprüche und wir werden genau hinschauen, auch in Baden-Württemberg“. (Eig. Herv.)
Schmalzl Äußerungen sind polemisch-falsch (im Gemeinschaftskundeunterricht hörte Ökonomie mit Marx und Engels auf), dreist-offen („einmischen in die Schulverwaltung“) und lesen sich wie eine Drohung („wir werden genau hinsehen“).
Unverblümt setzt er seine unternehmerische Perspektive als Norm und warnt, dass die Unternehmen genau die Entwicklung der Bildungspläne beachten werden. Seine weiteren Ausführungen unterstreichen diese Warnung:
„Wir Stiftungen, die wir uns engagieren, wir müssen es ja nicht tun! Ich könnte ja sagen, wir zahlen Steuern […] und jetzt ist die Frau Otte [das KM] dafür zuständig, mit dem Geld was Ordentliches zu machen. Nein! [Unternehmensnahe] Stiftungen sind Impulsgeber, Stiftungen sind Treiber!“ (Eig. Herv.)
Diese Aussage ist bemerkenswert. Auf offener Bühne erklärte Schmalzl, dass Unternehmen mit ihren Stiftungen dem Staat gezielt Gelder entziehen, weil sie ihm nicht zutrauen „was Ordentliches“ zu machen. Die eingesparten Steuern nutzen sie, um die Bildungspolitik nach ihren Vorstellungen zu beeinflussen und vor sich herzutreiben.
Besonders perfide ist die Behauptung, dieses Vorgehen sei Ausdruck freiwilligen unternehmerischen Engagements. Schmalzl inszeniert eine vermeintliche Wohltätigkeit, die jedoch ausschließlich unternehmerischen Interessen dient. Tatsächlich entbehrt dieses Engagement allerdings jeder demokratischen Legitimation und Kontrolle und ist somit nichts anderes als machtvoller Lobbyismus.
Die Macht der Würth-Stiftung zeigt sich auch daran, dass Schmalzl offen erklärt, die Einführung des Fachs WBS sei das positive Ergebnis der Lobbyarbeit der Stiftung und zudem darauf hinweist, dass die Einführung des Fachs vom Würth-Kompetenzzentrum Ökonomische Bildung als positiv evaluiert wurde.
Würth beeinflusst mit seiner Stiftung und seinem Kompetenzzentrum die gesamte Wirtschaftsbildungskette der von der Wirtschaftsdidaktischen Forschung, über die Bildungspolitik und die Aus- und Weiterbildung von Wirtschaftslehrkräften bis hin zu den Unterrichtsmaterialien und außerschulischen Bildungsangeboten.
Schmalzl‘s selbstgefälliges und selbstgerechtes Auftreten macht also die Einflussnahme von Unternehmen und unternehmensnahen Stiftungen auf die Bildungspläne und die Gestaltung des Fachs WBS nur umso deutlicher. Vom Publikum erntete er für seine Aussagen Applaus und die Bildungspolitik – in der Person von Frau Otte – ließ sich treiben…
3. Ökonomisch halbgebildete Öffentlichkeit
Fabian Schön, Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz, argumentierte ganz im Sinne der neoliberalen Lobbyist*innen – vermutlich auch sein Ticket auf das Podium. Er zitierte den in diesen Kreisen beliebten „Steuererklärung-statt-Gedichtanalyse“-Tweet und plädierte für eine radikale Entrümpelung der Bildungspläne. Allgemeinbildung in den Bereichen Sprachen, Kunst und Kultur stellte er als überholte Altlast dar, die es zu entsorgen gelte.
Gleichzeitig warf er der Bildungspolitik Untätigkeit vor und forderte eine stärkere Anpassung der Bildungspläne an die Lebensrealität der Schüler*innen. Für seine Ausführungen erntete Schön Applaus aus dem Publikum.
Der Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz verdeutlichte eindrücklich, dass Schüler tatsächlich mehr ökonomische Bildung brauchen… allerdings eine sozioökonomische Bildung, die sie in die Lage versetzt, sich mündig gegen die neoliberal-neoklassische Propaganda von Unternehmen, Stiftungen, Banken und Verbänden wie dem BÖB zu verteidigen.
Das Auftreten des Generalsekretärs der Bundesschülerkonferenz belegt eindrücklich: finanzielle Bildung ohne politisch-ökonomische Bildung ist demokratiegefährdende ökonomische Halbbildung!
Und die Bildungspolitik? Sie ließ sich treiben…. Statt die politische Bedeutung von Bildungsgerechtigkeit – immerhin Thema der Podiumsdiskussion ! – hervorzuheben, verengte Birgit Otte den Blick auf das „Ziel Fachkräfte zu sichern und alle Potentiale unseres Nachwuchses bestmöglich zu heben“. Sie reduzierte somit den Begriff „Bildungschancen“ als die Maximierung der Chance, Lernende als verwertbare Humanressourcen in private Unternehmen einzuspeisen.
Als vermeintlich positive Entwicklung stellte Otte heraus, dass bereits zahlreiche Forderungen der Unternehmen in den Bildungsplan 2016 für das neu geschaffene Fach Wirtschaft, Berufs- und Studienorientierung (WBS) eingeflossen seien. Zudem wies sie darauf hin, dass die kommende Bildungsplanreform 2025 dieses Fach in der Stundentafel nochmal stärkt und inhaltlich noch genauer an den Wünschen der Unternehmen ausrichtet.
Begriffe wie politisch-ökonomische Bildung, Mündigkeit oder Demokratiebildung blieben hingegen von der Vertreterin des Kultusministeriums unerwähnt.
Die Frage nach dem Verhältnis von Wirtschaft, Demokratie und Bildungsgerechtigkeit wurde auf dem Podium an keiner Stelle diskutiert.
4. Literatur
- Engartner, T. & Krisanthan, B. 2014: Ökonomische Bildung in Zeiten der Ökonomisierung – oder: Welchen Anforderungen muss sozio-ökonomische Bildung genügen? In: Fischer, A. & Zurstrassen, B. (Hrsg): Sozioökonomische Bildung. BpB: 155-176.
- Fischer, A. & Zurstrassen, B. 2014: Annäherungen an eine sozioökonomische Bildung. In: In: Fischer, A. & Zurstrassen, B. (Hrsg): Sozioökonomische Bildung. BpB: 7-31.
- Hellmich, S. N. & Hedtke, R. 2023: Wirtschafts- und finanzwissen. Beobachtungen zu Wissenstests in der Mediendebatte im deutschsprachigen Raum. = Didaktik der Sozialwissenschaften Working Papers No. 14. (Link)
- Hedtke, R. 2016. Paradigmatische Parteilichkeit, lückenhafte Lehrpläne und tendenziöses Unterrichtsmaterial? Eine Studie zu Gestalt und Gehalt sozio/ökonomischer Bildung. = FGW-Studie Neues ökonomisches Denken, 1. (Link)
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