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Finanzlobbyismus auf der Didacta 2025 – Teil 1: Podiumsdiskussion „Demokratie stärken durch Finanzbildung“

 

Das neoliberale Lobbynetzwerk Bündnis Ökonomische Bildung hat auf der diesjährigen Didacta zwei große Podiumsdiskussionen organisiert. Die Podiumsdiskussion „Demokratie stärken durch Finanzbildung“ zeichnete sich aus durch:

- ein einseitiges Podium,

- das Heranziehen unwissenschaftlicher "Studien",

- die Dethematisierung wirtschaftstheoretischer Fragen, 

- den Dreischritt der Entpolitisierung,

- und ein ökonomistisches Demokratieverständnis.

 

 

Nach dem großen FDP-"Festival für Finanzbildung" Mitte Oktober 2024 in Berlin (hier eine Kritik von Prof. Höhne und eine Gegenplattform von Attac), traf sich ein Teil des Finanzbildungs-Wanderzirkus im Januar 2025 auf der Didacta in Stuttgart erneut.

 

Auf der Didacta waren unter anderem folgende Finanzbildungslobbyist*innen vertretenen: das Bündnis ökonomische Bildung (böb), die Stiftung Würth, die Deutsche Bundesbank, der Deutsche Sparkassen- und Giroverband e. V., die Initiative für wirtschaftliche Jugendbildung (IWJB gGmbH), die finlit foundation (kritische Analyse), die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht etc.

 

Immer wieder wurde die positive Dynamik der Finanzbildungsbewegung gelobt und beschworen. Auch hier traten die Finanzbildungslobbyist*innen so selbstbewusst auf, dass sie sich nicht mehr hinter dem Begriff der „ökonomischen Bildung“ versteckten, sondern explizit von „finanzieller Bildung“ sprachen.

 

Wie schon in Berlin, war ihr Auftreten auf der Didacta von einem Social-Washing-Wording geprägt. Finanzielle Bildung soll „mentale Gesundheit“, „Glück im Leben“, „Bildung für nachhaltige Entwicklung“, „Mündigkeit“, „Bildungsgerechtigkeit“ und „Demokratie“ ermöglichen.

  

Das neoliberale Lobbynetzwerk Bündnis Ökonomische Bildung hat auf der diesjährigen Didacta zwei große Podiumsdiskussionen organisiert. Im Folgenden soll die Podiumsdiskussion „Demokratie stärken durch Finanzbildung“ besprochen werden. In einem weiteren Blogeintrag wird die zweite Podiumsdiskussion zum Thema „Für mehr Bildungsgerechtigkeit: Finanzbildung an Schulen“ kommentiert.

 

 

Die Teilnehmer*innen der Podiumsdiskussion

Bei der Diskussion „Demokratie stärken durch Finanzbildung“ saßen auf dem Podium:

 

- Prof. Dr. Carmela Aprea (Universität Mannheim, Mannheim Institute for Financial Education (MIFE)), 

- Jürgen Böhm (Ministerium für Bildung des Landes Sachsen-Anhalt, Staatssekretär), 

- Heiner Gutbrod (Verein für Schuldnerberatung e.V., Tübingen, Jugend-Schulden-Beratung), 

- Verena von Hugo (Bündnis Ökonomische Bildung Deutschland e.V., Vorsitzende des Vorstands),

- Tobias Tyll (Wirtschaftsphilologenverband Bayern e.V., Vorsitzender).

 

Nach der Eröffnung des Podiums durch Verena von Hugo brachte Jürgen Böhm, Staatssekretär im Ministerium für Bildung des Landes Sachsen-Anhalt, die Haltung der Diskutant*innen auf den Punkt: Wirtschaftliche Bildung ist für mich Demokratiebildung. Ich kann keine demokratischen Prozesse erkennen, erklären, begreifen wenn ich nicht ökonomische Grundkenntnisse besitze, wenn ich wirtschaftliche Zusammenhänge erkenne“.

 

Zweifelslos ist ökonomisches Wissen hilfreich, um politische Zusammenhänge zu verstehen. Doch die Gleichsetzung von ökonomischer mit demokratischer Bildung ist mehr als problematisch. Eine solche Behauptung zeugt von einer ökonomistischen Einstellung („ökonomischer Imperialismus“). Nicht jede wirtschaftliche Bildung ist Demokratiebildung. Demokratie und Politik sind deutlich mehr als Wirtschaft.  

 

„Ökonomismus“ bzw. „ökonomischer Imperialismus“ bezeichnet die Tendenz, soziale, politische oder kulturelle Phänomene mit Konzepten der neoklassischen Ökonomik wie Rationalität, Nutzenmaximierung und Marktmechanismen zu erklären und andere Erklärungen auszublenden.

 

 

Zitieren der immergleich tendenziösen Auftragsstudien

In ihrem ersten Redebeitrag verwies Prof.‘in Aprea auf "Studien", die angeblich das große Interesse der Jugendlichen für ökonomische Bildung belegen. In einer umfassenden Untersuchung haben Hellmich und Hedtke (2023: 4) allerdings nachwiesen, dass solche "Studien":

 

- nicht von akademischen, sondern von privatwirtschaftlichen Akteuren durchgeführt bzw. in Auftrag gegeben werden (v.a. Banken und Versicherungen),

- nur unzureichend wissenschaftliche Standards erfüllen,

- überwiegend mit geschlossenen Fragen und vorgegebenen Antworten arbeiten,

- das Wissen der Befragten als defizitär einordnen, ohne jedoch ein Erwartungsniveau zu definieren,

- keine bildungspolitischen Maßnahmen begründen können,

- die Wissensfelder Geld, Geldanlage und Kredit deutlich überbetonen,

- vor allem individuelle ökonomische Problemlagen und das rationale Handeln des Einzelnen thematisieren

- gesellschaftliche ökonomische Probleme und die politische Gestaltung der Rahmenbedingungen außen vor lassen.

 

Kurzum: diese "Studien" sind keine Studien, sondern Lobbyschriften. 

 

 

Die beste Verteidigung der Neoklassik ist diese nicht zu benennen

Im gleichen Redebeitrag erklärte die Professorin: Für mich ist nicht die Frage, ob Wirtschafts- und Finanzbildung, sondern welche. Das ist die ganz zentrale Frage, die wir diskutieren müssen“.

 

Wer darauf hoffte, eine klare Antwort auf diese Frage zu erhalten, wurde enttäuscht. Aprea ignorierte die selbstgestellte Frage „Welche ökonomische Bildung?“ und sprach lediglich über die Frage „Was soll in der finanziellen Bildung vorkommen?“.

  

Anstatt wirtschaftstheoretische (orthodoxe vs. heterodoxe Ökonomik) oder fachdidaktische (monodisziplinäres vs. polydisziplinäres Fach) Fragen zu diskutieren, blieb sie auf einer rein inhaltlichen Ebene. Die wirtschaftstheoretische Perspektive des Podiums wurde nicht benannt, war aber impliziter Konsens: die Neoklassik. Eine effektive Strategie, eine theoretische Perspektive unangreifbar zu machen, besteht darin, sie unsichtbar zu lassen. Dadurch entwickelt die neoklassische ökonomische Bildung eine überwältigende Wirkung, die im Widerspruch zum dem Beutelsbacher Konsens steht.

 

"Die wahre Stärke der liberalen Ökonomen besteht darin, dass sie geschafft haben, die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass sie keine Ideologie betreiben, was völlig falsch ist." (Thomas Porcher 2018: 17, übersetzt)

 

 

Individualisierung, Subjektivierung und Responsibilisierung

Statt nach der politischen Gestaltbarkeit der ökonomischen Verhältnisse zu fragen – immerhin war „Demokratie“ das Diskussionsthema ! – beschränkte sich das Podium auf die Frage, welches ökonomische Wissen einzelne Lernende benötigen, um innerhalb bestehender Strukturen besser zu funktionieren (insbesondere bei Konsumentscheidungen).

 

Die Argumentation der Podiumsteilnehmer*innen folgte dem neoklassisch-neoliberale Dreischritt der Entpolitisierung, der wie folgt aussieht:

 

1. Individualisierung: Im Sinne des neoklassischen methodologischen Individualismus werden Verantwortung und Handlungsmacht von der strukturellen Ebene (Politik, Demokratie) auf die individuelle Ebene verlagert.

 

2. Subjektivierung und Aktivierung: Im Sinne des neoklassischen Homo Oeconomicus werden Einstellungen gefördert und Verhaltensweisen gefordert, die dem neoklassischen Verbraucher und Entrepreneur entsprechen.

 

3. Responsibilisierung: Nach der Logik der neoklassischen Mikroökonomik werden die Ursachen von Armut, Arbeitslosigkeit, Verschuldung etc. nicht auf der strukturellen Ebene verortet, sondern lediglich auf der Ebene und in der Eigenverantwortung der einzelnen ökonomischen Akteure. Dies führt zur Forderung nach mehr Finanzbildung, anstatt strukturelle Veränderungen in den Blick zu nehmen.

 

 

Die Entpolitisierung der Verschuldung von Jugendlichen

Der neoklassische Dreischritt der Entpolitisierung kam besonders deutlich bei der Besprechung der „kritischen Verschuldung“ von Jugendlichen zu Ausdruck. Als Ursachen von Armut wurden besprochen:  Start ins Leben mit einem „schweren Rucksack“; zu viel Optimismus und Risikobereitschaft; Kauf- und Spielsucht; mangelnde finanzielle Bildung.

 

Die strukturellen Ursachen von Verschuldung wurden an keiner Stelle angesprochen (bspw. Deregulierung und Prekarisierung der Arbeitswelt, soziale Schieflage des Steuersystems, Vererben von Armut und Reproduktion des sozialen Kapitals durch Bildungsinstitutionen usw.). 

 

 

Zweifel an der Neoklassik = Verschwörungstheorie?

Im weiteren Verlauf der Podiumsdiskussion warnte Prof.‘in Aprea: „Was ich nicht verstehe – das liegt in der Natur des Menschen – da machen sich Menschen einen Reim drauf. […] Und da kommen wir sehr schnell in die Ecke von Verschwörungstheorien.“

 

Die Klinge ist scharf und es wäre interessant zu wissen, ob die Professorin das Konzept der Übergewinne, die Kritik an der Schuldenbremse, die Forderung nach einer Vermögenssteuer, die Modern Monetary Theory oder den Zweifel an absoluter Entkopplung und Grünem Wachstum als Verschwörungstheorien bezeichnen würde. Diese Themen fanden auf dem Podium keinen Platz.

 

 

Ökonomistisches Demokratieverständnis

Auf die Frage nach dem Verhältnis von Demokratie und Wirtschaft erklärte Prof.‘in Aprea:  „Alle Fragen, die wir im Moment diskutieren, ob das der Klimawandel ist, ob das das Rentensystem ist, alles Dinge, die die nachfolgenden Generationen [betrifft], haben ein wirtschaftliches Korrelat. Die kann ich nicht verstehen, wenn ich die Ökonomie dahinter nicht verstehe“.

 

In anderen Worten: Da alles Ökonomie ist, ist ökonomische Bildung demokratische Bildung. Diese Aussage ist klar ökonomistisch. Sie reduziert nicht-ökonomische Probleme auf eine rein ökonomische Betrachtungsweise und blendet dabei zahlreiche andere Zugänge und Wissensbestände aus, die ebenfalls nötig sind, um die Komplexität von Gesellschaft und Demokratie zu verstehen. Eine solche Aussage ist anti-demokratisch. 

 

 

Fazit: Thema gezielt verfehlt

Zu keinem Zeitpunkt wurden beispielsweise folgende Fragen besprochen: Was verstehen die Teilnehmenden unter „Demokratie“? Was bedeutet „Bildung“? Sind Unternehmen demokratische Orte? Sind Unternehmen und Demokratie vereinbar? Wie lässt sich das Verhältnis von Kapitalismus und Demokratie denken? Wie lässt sich das Verhältnis von ökonomischer Bildung und Demokratiebildung denken?

 

Diese Leerstellen sind besonders erstaunlich, da zahlreiche Beispiele belegen, wie in der Vergangenheit – teilweise mit großer Gewalt – ein neoliberales Wirtschaftsmodell gegen den politischen Willen der Mehrheit der Bevölkerung durchgesetzt wurde.

 

Die US-Gegenwart zeigt zudem auf erschreckende Art und Weise, wie eine marktradikale Wirtschafts- und Finanzelite des Landes Staat und Demokratie im Eiltempo auseinandernehmen. Dies als Ausnahme oder Unfall zu bezeichnen wäre falsch und gefährlich: Für den Milliardär und libertären Vordenker Peter Thiel sind ökonomische Freiheit und Demokratie nicht miteinander vereinbar und der Anarchokapitalist Hans-Hermann Hoppe bezeichnet das allgemeine Wahlrecht als Erbsünde der Moderne (Slobodian 2024).

 

All diese grundlegenden Fragen fanden auf dem Podium keinerlei Erwähnung! Aber das sollte ja vermutlich so sein…

 

 

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